Yegor betätigte die Türklingel, trat zurück und schaute durch Schleier aus Regen auf die Bäume und blühenden Sträucher des Gartens, während er wartete. Es dauerte nicht lange, dann wurde die schwere Eingangstür einen Spalt breit geöffnet und die junge Frau mit den Papageien, Mina, spähte nach draußen.
„Oh, hallo! Schön, dich zu sehen.“
Da war es wieder, dieses strahlende Lächeln, das ihn vom ersten Moment an irritiert hatte. Zwar war er inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht notwendigerweise dumm, sondern offenbar wirklich einfach nur freundlich war. Es änderte nur nichts daran, dass er es schwierig fand, es mit Menschen mit so offen gezeigten Gefühlen zu tun zu bekommen.
Oder es überhaupt mit Menschen zu tun zu bekommen.
Sein Blick blieb an einzelnen zu Schlaufen gedrehten rotblonden Strähnen hängen, Halterungen für bunte Kreide. In der Hand hielt die junge Frau einen Zeichenblock.
„Die freuen sich auch, dass du hier bist“, stellte Mina fest, als die Papageien ungeachtet des schlechten Wetters an ihr vorbei auf Yegors Schulter flatterten, während er einen zusätzlich in Paraffinpapier gewickelten Umschlag aus einer Innentasche des Mantels zog. Die Bewegung ließ das schwere graue Ölzeug verrutschen, und er sah das Lächeln erlöschen.
„Was ist denn das?“
Die junge Frau deutete auf seinen Hals.
„Das Stadtwappen.“
Er hielt ihr den Umschlag hin. Sie ignorierte ihn.
„Das sehe ich. Warum trägst du einen Eisenring um den Hals?“
„Es gibt eine neue Vorschrift. Auf dem Gebiet der Stadt arbeitende Modifizierte haben ein mit dem Siegel der Stadt versehenes Halsband aus Eisen zu tragen.“
„Außer dir gibt es keine andere Modifizierten hier in der Stadt.“
Das hatte Hans bestätigt, als sie Lucilia von dem Absturz des Luftschiffs und der anschließenden Rettungs- und Bergungsaktion erzählt hatte. Im Gegensatz zu Mina achtete Hans sorgfältig darauf, über aktuelle Entwicklungen informiert zu sein.
„Das ist richtig“, bestätigte auch Yegor.
Mina stieß die Tür weit auf. Regen sprühte auf das teure Holz und den teuren Marmor des Eingangsbereichs.
„Komm herein“, forderte sie erneut.
„Nicht nötig…“
„Tu mir bitte den Gefallen.“
Die junge Frau balancierte auf den Zehenspitzen, als er an ihr vorbei ging, und schaute aufmerksam Richtung Tor.
„Es hat uns niemand gesehen“, teilte er ihr mit. Die Papageien auf seiner Schulter schüttelten den Regen aus dem Gefieder.
„Ja, genau das ist ja das Problem“, erwiderte Mina. „Es gibt so erstaunlich viele Menschen, deren eigenes Leben so langweilig ist, dass sie sich für das Leben anderer Leute interessieren, aber nicht einer von denen ist gerade hier. Schade. Na ja, einen Versuch war es wert.“
Sie schloss die Tür und deutete auf das Eisen.
„Seit wann gibt es diese Vorschrift überhaupt?“ erkundigte sie sich.
„Seit zwei Tagen.“
„Das ging aber schnell. Hat der Stadtrat diese neue Vorschrift bereits abgesegnet?“
„Schätze schon.“
Mina nahm Yegor das Paket ab.
„Ein Halsband aus Eisen. So etwas gab es zuletzt zu Zeiten der Leibeigenschaft vor fünfundsiebzig Jahren. Bestimmt lässt sich dagegen Einspruch erheben.“
„Das hat Hafenmeister Poindexter auch getan“, bestätigte Yegor. „Seine Assistenten ebenso.“
„Und?“
„Der Einspruch ist notiert.“ Er deutete auf den Umschlag. „Es konnten bisher zwei Dokumente geborgen werden. Sollten sich noch weitere Dokumente oder Pflanzenproben finden lassen, werden diese nachgereicht.“
„Wunderbar, danke. Was ist mit den Verletzten, geht es denen besser?“
„Ja.“
Das Lächeln wurde noch eine Spur strahlender.
„Das freut mich, das sind gute Nachrichten.“
„Ja. Wenn du mir bitte den Empfang quittieren könntest.“
„Ja, na klar.“
Yegor zog ein ebenfalls in Paraffinpapier gewickeltes Klemmbrett und einen Stift aus der Manteltasche. Mina legte Umschlag und Malblock neben einem Stapel Bücher auf einen Beistelltisch aus lackiertem Holz. Halb fertig gemalte Papageien schauten zu ihren realen Gegenstücken auf Yegors Schulter hinauf.
„Sind die Dokumente noch lesbar?“ erkundigte sich Mina, während sie kunstvoll verschlungene Buchstaben auf die Empfangsbestätigung zeichnete.
„Ein paar Absätze sind noch zu entziffern, der Rest ist nicht mehr zu erkennen.“
„Ach schade. Danke jedenfalls, dass du den Umschlag vorbei gebracht hast.“
„Keine Ursache“, versicherte Yegor und sah sich einmal mehr mit diesem Lächeln konfrontiert. Schlanke Finger hielten ihm Klemmbrett und Stift entgegen. In den Händen befanden sich rund ein Viertel der Knochen des menschlichen Körpers, rund zweihundertdreißig Knochen bei ausgewachsenen Menschen, bei jüngeren Menschen, deren Knochen zusammenwuchsen, noch einmal deutlich mehr, und er musste daran denken, wie leicht etwas so Fragiles bei dem Unfall am Leuchtturm hätte beschädigt werden können und wie leicht es wäre, diese Finger zu brechen. Damit kannte er sich aus. Bedingungslose Freundlichkeit hingegen überforderte ihn.
Er schaute weg.
„Danke“ sagte er, als er das Dokument entgegen nahm.
„Der Professor sollte bald wieder aus der Universität zurück sein, dann trinken wir gemeinsam Tee“, erzählte Mina. „Du bist herzlich eingeladen, uns Gesellschaft leisten. Oh, das ist sehr sorgfältig“, stellte sie fest, als sie die Dokumente aus dem Umschlag zog. Yegor registrierte Schnelligkeit, mit der die schlanken Finger an der Bilderschrift entlang tanzten. Offenbar beherrschte sie die Sprache fließend. „Die Schamanen haben zusätzlich zu Neophyten, deren Extrakte in Tränken und Pulvern Verwendung finden, Proben diverser Schlingpflanzen geliefert, auf denen diese Neophyten wachsen. Also, bleibst du zum Tee?“
„Danke, nein. Im Hafen ist zu viel zu tun.“
Mina suchte nach einem weiteren Grund, den Modifizierten noch etwas länger in der Villa zu halten, auf dass wenigstens ein verlängerter Aufenthalt protokolliert werde. Andererseits, der Professor und sie selbst galten ohnehin als exzentrisch, so dass es vermutlich keinen großen Unterschied machte, einen Modifizierten zu Besuch zu haben. Zudem wollte ihr nichts einfallen.
„Dann erst recht vielen Dank dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, den Umschlag vorbei zu bringen“, sagte sie.
„Es war die Idee der Assistenten des Hafenmeisters“, erklärte Yegor. „Sie fanden, dass ich jetzt so oft wie nur irgend möglich in der Stadt unterwegs sein sollte.“
Mina lachte.
„Ich mag, wie die beiden denken.“
Yegor war sich da nicht so sicher, beließ es jedoch dabei, während er Mina die Papageien zurück gab. Einer der beiden hatte den Schnabel in den Mantel über der Schulter versenkt und kaute hingebungsvoll darauf herum, der andere hielt sich an der Hand fest und baumelte fröhlich kopfüber daran herunter. Nach der Zeit in den Katakomben und Versuchslabors waren Tiere und Pflanzen das Faszinierendste gewesen, das die Welt außerhalb zu bieten hatte, und als Yegor das erste Mal einen Vogel gesehen hatte, war ihm dieses Geschöpf wie personifizierte Freiheit erschienen. Kein Wunder, dass Menschen diese Tiere in Käfige sperrten.
Die meisten Menschen, korrigierte er sich. Die junge Frau tat es nicht.
„Einen Moment bitte noch“, bat Mina. Zierliche Hausschuhe klickten über Marmor, als sie zu den Räumen jenseits der Eingangshalle hinüber lief. „Geht auch ganz schnell, versprochen!“ versicherte sie über die Schulter hinweg. Sie kehrte mit einer Schachtel Tee und einer Schale mit Teegebäck zurück, beides sorgfältig mit blütenweißem Stoff und einer zusätzlichen Schicht Paraffinpapier umwickelt.
„Für dich und die anderen Arbeiter im Hafen“, erklärte sie. „Es hat keine Eile, die leere Schale zurück zu geben, so lange du solltest derjenige bist, der die Schale abliefert. Und natürlich kannst du gern jederzeit Nachschub holen.“ Das Lächeln kehrte zurück. „Bestimmt sind die Poindexters ganz einverstanden damit.“
„Vermutlich“, stimmte Yegor zu. Er sah auf das Päckchen hinunter und fragte sich, ob er etwas verpasste.
„Ich hätte mehrere Teesorten zu Auswahl anbieten sollen, oder?“ erkundigte sich Mina.
Yegor schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist es nicht.“
„Was ist es dann?“
„Es ist mir nicht klar, wieso es für dich so interessant ist, dass ein Modifizierter in der Stadt sichtbar ist“, gab Yegor zu. „Für die Poindexters ist es eine Frage der Autorität, aber warum ist es dir wichtig? Welche Regeln greifen in diesem Fall?“
Zum zweiten Mal sah er das fröhliche Lächeln erlöschen.
„Es ist ganz einfach falsch, jemandem, der nichts getan hat, die Freiheit zu nehmen.“
„Das Eisen schränkt meine Bewegungsfreiheit nicht ein.“
„Möglich. Es ist jedoch eine gezielte Demütigung.“
„Ja.“
„Und das macht dir nichts wirklich aus?“
„Nein.“
„Trotzdem…“, begann Mina und brach ab.
„Ja?“ fragte Yegor.
Mina schüttelte den Kopf.
„Es ist nur, wenn ich dir jetzt erkläre, dass es dich stören sollte, weil es ungerecht ist und du diese Demütigung nicht hinnehmen solltest, dann setze ich mich genau so über deine Selbstbestimmung hinweg.“
Yegor fragte sich, wieso jemand so viele Gedanken an ihn verschwendete. Er war doch gar nicht weiter wichtig.
„Das spielt keine Rolle“, versicherte er, nur um mit der Antwort konfrontiert zu werden: „Doch, tut es. Oder zumindest sollte es das. Na gut, oder vielmehr nicht gut, dann macht es mir eben für mich und für dich etwas aus“, beschloss Mina.
„Das muss es nicht“, versicherte Yegor.
„Ja, ich weiß.“ Mina schenkte ihm einmal mehr ein Lächeln. „Also, noch einmal vielen Dank für das Paket.“
„Danke für den Tee und das Gebäck.“
„Sehr gern.“
Als Yegor wieder in den Regen hinaus ging, betraten zwei in schwarze Uniformen mit goldenen Knöpfen gekleidete Polizisten den Garten. Einer von ihnen war der junge Polizist, der nach der Luftschiffhavarie am Hafen gewesen war, begleitet von einem anderen Kollegen, auch dieser deutlich älter.
„Yegor“, grüßte er den Modifizierten freundlich.
„Dann sind Sie der Modifizierte, der bei dem Absturz des Luftschiffs anwesend war“, stellte sein Kollege fest.
„Ja“, bestätigte Yegor.
„Das trifft sich gut, dann können wir Ihre Zeugenaussage gleich mit aufzunehmen“, beschloss der Polizist.
„Die Vorgesetzten und Kollegen erwarten mich im Hafen zurück“, entgegnete Yegor.
Sein Einwand interessierten den Polizisten nicht.
„Mitkommen“, befahl der Beamte knapp.
Sein jüngerer Kollege wandte sich an Mina und tippte durch den herabrinnenden Regen hindurch grüßend an den Rand des Helms. „Wunderschönen guten Tag, Frau Winter. Ist Professor Biraud im Haus?“
„Der Professor ist noch in der Universität, müsste aber bald zurück sein.“
„Wann erwarten Sie ihn zurück?“ hakte der ältere Polizist nach.
„Er müsste jeden Moment hier eintreffen.“
„Sehr gut, dann werden wir hier auf ihn warten“, beschloss der Polizist, während er an Mina vorbei ins Haus stapfte. Sein Blick fiel eine umgeschlagene Seite des Zeichenblocks. Er blätterte zurück. Aus hingekritzelten Schnittmustern für Kleider wurden nach und nach Studien von Schwung- und Flaumfedern, als die Zeichnungen zu Formen mit Flügelärmeln wechselten.
„Es wird Zeit, mir über ein Kleid für den Debütantinnenball Gedanken zu machen, aber ich finde immer etwas, das mich davon ablenkt“, erklärte Mina, während sie sich die nassen Mäntel geben ließ und an einen eleganten Kleiderständer neben der Eingangstür hängte.
„Danke sehr“, sagte der jüngere Polizist.
„Keine Ursache“, versicherte Mina. „Hier entlang, bitte.“
Sie dirigierte die Männer in einen großen Raum mit teuren Möbeln und Tapeten mit kunstvoll gemalten Pflanzen und Tieren aus tropischen Regionen, der bei gutem Wetter hell und lichtdurchflutet gewesen wäre.
„Bitte, nehmen Sie Platz“, bat sie. „Ich koche schnell Tee.“
„Machen Sie sich keine Mühe…“
„Das ist keine Mühe.“
„Haben Sie keine Bediensteten?“ erkundigte sich der ältere Polizist, als Mina bei ihrer Rückkehr ein Tablett mit einer Kanne Tee, Tassen, Teelöffeln, Zuckerdose, Milchkännchen und einer Schale mit Gebäck in den Raum balancierte.
„Oh doch, einmal in der Woche helfen uns eine Zugehfrau und ein Gärtner“, erwiderte Mina.
„Danke“, sagte der jüngere Polizist, als Mina eine Tasse Tee vor ihn hin stellte, und erwiderte ihr Lächeln.
„Für gewöhnlich verfügt ein Haus dieser Größe über deutlich mehr Personal“, gab sein Kollege zu bedenken.
„Das stimmt. Allerdings findet der Professor das Haus viel zu groß für nur ein oder zwei Personen. Die meisten Räume werden nicht genutzt“, berichtete Mina.
„Der Professor hat das Haus geerbt, nicht wahr?“
„Ja. Die Villa gehörte erst seinen Großeltern, dann seinen Eltern, und jetzt gehört sie ihm.“
Minas Blick schweifte zu Yegor hinüber, der geduldig neben der Tür wartete.
„Bitte, setz dich zu uns“, bat sie ihn, sekundiert von dem jüngeren Polizisten, der unter dem missbilligenden Blick seines Kollegen auf den Stuhl neben dem eigenen Sitzplatz deutete. Aus Missbilligung wurde einen Moment lang unverhohlener Ärger, als der Polizist Mina zusah, die eine Tasse Tee vor den Modifizierten hin stellte, mit einer fein ziselierten silbernen Zuckerzange drei Stücke Kandiszucker in die Tasse legte, Tee über den unter der Hitze knisternden Zucker goss und aus dem Milchkännchen eine kleine weiße Wolke aus Sahne hinzu gab.
„So, Sie haben den Absturz des Luftschiffs aus nächster Nähe gesehen“, eröffnete er das Gespräch, als Mina damit fertig war, den Modifizierten zu bedienen.
„Das ist richtig“, bestätigte Mina.
Yegor starrte auf die Tasse. Grundsätzlich war daran nichts Besonderes. Auch die beiden Polizisten hatten jeweils eine Tasse Tee mit Zucker und Sahne serviert bekommen. Für ihn jedoch war die Erfahrung, bedient zu werden, etwas ganz Besonderes.
„Beschreiben Sie, was Sie gesehen haben“, forderte der Polizist Mina auf.
Einen Wimpernschlag lang sah Yegor einen Schatten über ihr Gesicht huschen, als sie sich erinnerte. Dann schaute sie zu ihm hinüber, bemerkte, dass er sie anschaute, lächelte und straffte den Rücken.
„Er hat sich schützend vor mich gestellt, als der Luftfrachter mit dem Leuchtturm kollidierte“, teilte sie den Polizisten mit.
„Und dafür bin ich Herrn Karavashkin sehr dankbar.“
Die jüngere Polizisten erhob sich respektvoll, als Professor Biraud den Raum betrat, der ältere Polizist beließ es bei einem knappen Nicken.
„Was ist denn das?“ fragte der Professor konsterniert, als er das Eisen um Yegors Hals bemerkte. Yegor setzte ihn über die neue Vorschrift in Kenntnis.
Der Professor wollte etwas sagen, doch der ältere Polizist kam wieder auf die Augenzeugenberichte zurück.
„Was haben Sie sonst noch gesehen?“ wandte er sich wieder an Mina, die eine Teetasse für ihren Patenonkel bereit stellte.
Mina lächelte Yegor noch einmal zu und lieferte den gewünschten Bericht. Der Begriff Eloquenz kam Yegor in den Sinn, während er zuhörte.
„Können Sie diese Aussage bestätigen?“ wandet sich der Polizist an Yegor, als Mina ihren Bericht beendet hatte.
„Ja“, erwiderte Yegor.
Der Polizist nickte und machte eine entsprechende Notiz in einem Notizbuch.
„Dann berichten jetzt Sie, was Sie gesehen haben“, forderte er.
„Frau Winter hat bereits alles gesagt“, entgegnete Yegor.
Der Polizist warf ihm einen gereizten Blick zu.
„Das war eine Anordnung, keine Bitte, und das war jetzt bereits das zweite Mal, dass Sie einer Anordnung nicht gefolgt sind. Noch ein drittes Mal, und Ihnen droht eine Geldstrafe.“
„Vielleicht sind Ihnen noch Details aufgefallen, die Frau Winter in dieser Ausnahmesituation entgangen sind“, versuchte der jüngere Polizist zu helfen.
Yegor lieferte knapp und präzise wie befohlen seine Sicht des Unfalls.
„Diese neue Vorschrift, die Yegor zwingt, ein Halsband aus Eisen zu tragen, können Sie mir sagen, ob diese Vorschrift auf Veranlassung dieses Paares erlassen worden ist, das er gerettet hat?“ fragte Mina, als er seinen Bericht beendet hatte.
„Korrekt“, bestätigte der jüngere Polizist.
„Aber warum?“ wollte Mina wissen. „Yegor hat diesen Leuten das Leben gerettet. Zweimal. Und das ist der Dank?“
„Die beiden sind Journalisten. Sie arbeiten für die Stellvertretende Bürgermeisterin an einer Imagekampagne für die Stadt. Offenbar sind sie der Ansicht, dass es dem Image der Stadt schaden könnte, wenn die Behörden im Hafen ein Auge zudrücken hinsichtlich der Vorschriften für Modifizierte“, versuchte der jüngere Polizist zu erklären.
„Nur ist das hier nicht das Thema“, wies sein Kollege ihn zurecht und wandte sich an den Professor. „Ist das korrekt, dass dieses bereits die dritte Lieferung mit Pflanzenproben und Dokumenten war, die verloren ging?“
„Ja, das stimmt“, bestätigte Professor Biraud. „Die erste Lieferung verschwand auf dem Weg von den Pyramidenstädten zur Küste, die zweite Lieferung wurde zerstört, als das Frachtschiff im Hafen Feuer fing und sank. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, es blieb bei Sachschäden. Unglücklich ist, dass sich durch diese Unfälle die potentielle Entwicklung eines Heilmittels immer wieder verzögert.“
„Hm“, kommentierte der Polizist und machte einen entsprechenden Vermerk. „Ist es Ihnen jemals in den Sinn gekommen, dass es sich bei diesen Vorfällen um Sabotage handeln könnte?“
Die Verständnislosigkeit, mit der sowohl Professor Biraud als auch Mina erst den Polizisten und dann einander anstarrten, ließ darauf schließen, dass ihnen beiden dieser Gedanke bisher in der Tat noch nicht gekommen war. Yegor fragte sich, wie jemand so naiv durchs Leben gehen konnte.
„Wer sollte denn die Entwicklung eines Heilmittels verhindern wollen?“ wollte der Professor wissen.
Package
Yegor rang the doorbell, stepped back and gazed through the curtain of rain at the trees and blooming shrubs of the garden while he waited. It did not take long; the heavy entrance door opened a bit, and the young woman with the parrots, Mina, peered out.
„Oh, hello! It’s nice to see you.“
There it was again, that radiant smile that had irritated him from the very first moment. He had since concluded that she was not necessarily foolish, but merely kind. This changed nothing about his difficulty in dealing with people showing their feelings so openly. Or even dealing with people at all. His gaze remained fixed on individual strands of reddish-blonde hair, holders for colorful chalk. In her hand, the young woman held a drawing block.
„They are happy you are here,“ Mina observed as the parrots fluttered past her on Yegor’s shoulder despite the weather while he pulled an envelope wrapped in paraffin paper from an inner pocket of the coat. The movement made the grey oilcloth shift and he watched the smile fade.
„What is that?“
The young woman pointed at his neck.
„The city crest.“
He held the envelope out to her. She ignored it.
„I see that. Why do you wear an collar of iron around your neck?“
„There is a new regulation. Modified who work in the city must wear collars made of iron engraved with the city crest.“
„There are no other Modified here in the city besides you.“
Hans had confirmed this when she had told Lucilia and him about the airship’s crash and the subsequent rescue. In contrast to Mina, Hans made sure to be informed of current developments.
„That is correct,“ Yegor confirmed.
Mina pushed the door wide open. Rain sprayed upon the expensive wood and marble of the entrance area.
„Come in,“ she demanded again.
„Not necessary…“
„Please, do me the favor.“
The young woman balanced on her tiptoes and looked attentively at the gate as he walked past her.
„No one saw us“, he told her. The parrots on his shoulder shook the rain from their feathers.
„Well, that’s exactly the problem“, replied Mina. „There are surprisingly many people with a life so boring that they are interested in other people’s lives, but no one of them is here right now. Too bad. Well, it was worth a try. Since when is this regulation in effect?“ she asked while pointing at the iron.
„For two days.“
„That was fast. Has the City Council already approved this new regulation?“
„I suppose so.“
Mina took the package from him.
„A collar of iron. That was last seen during the time of serfdom that ended seventyfive years ago. Certainly, one can object to this regulation.“
„Harbor Master Poindexter said so, too“ Yegor confirmed. „And his assistants as well.“
„And?“
„The objection has been noted.“
He pointed to the envelope.
„So far, two documents have been recovered. If further documents or plant samples are found, they will be provided later.“
„Wonderful, thank you. Any news about the people have been injured, are they recovering?“
„Yes.“
„Those are wonderful news.“
„Yes. If you could please acknowledge receipt for me.“
„Yes, of course.“
Yegor pulled a clipboard and a pen, also wrapped in paraffin paper, from his coat pocket. Mina placed the envelope and the drawing block next to a stack of books on a side table made of lacquered wood. The half-painted parrots looked up at Yegor’s shoulder at their real counterparts.
„Are the documents still readable?“ Mina inquired while drawing artfully intertwined letters on the receipt confirmation.
„A few paragraphs still are, the rest is no longer discernible.“
„What a shame. Thank you anyway for bringing the envelope.“
„You’re welcome“, Yegor assured her, once again confronted with a smile. Slim fingers held out clipboard and pen to him. Human hands contained roughly one quarter of all bones in a human body, roughly two hundred thirty bones in a fully grown body, even more in younger people whose bones had not yet fused and all he had to think about how easily something so fragile could have been damaged during the accident at the lighthouse and how easy it would be to break those fingers. With that knowledge, he was well-versed. Unconditional kindness, however, overstrained him.
He looked away.
„Thank you“, he said as he took back the document.
„The Professor should be back from the university soon; then we will drink tea together,“ Mina said. „Would you like to keep us company? Oh, now this is very thorough,“ she stated when she pulled the documents from the envelope. Yegor noticed the speed at which her slim fingers danced along the pictography. Obviously she was fluent in the foreign language. „Additionally to the neophytes they use extracts from for potions and powder, the shamans also added samples from the climbing plants those neophytes grow on. Are you staying to have tea with the professor and me?“
„Thank you, but no. There is too much to do at the harbor.“
Mina searched for another reason to keep the Modified in the villa a little longer, so that at least an extended stay would be recorded. On the other hand, the Professor and she were eccentric enough that having a Modified as a guest probably made little difference. Moreover, nothing came to her mind.
„Then thank you very much for taking the time to bring the envelope,“ she said.
„It was the assistants of the Harbor Master’s idea,“ Yegor explained. „They thought I should be in the city as often as possible.“
Mina laughed.
„I like how they think.“
Yegor was not so sure about that, but he did not comment on it while handing the parrots back to Mina. One of them had tucked its beak into the coat over his shoulder and affectionately pecked at it; the other held on to his hand and hung happily upside down. After the time in the catacombs and experimental laboratories, animals and plants had been the most fascinating things the outside world had to offer, and when Yegor saw a bird for the first time, this creature had seemed like personified freedom to him. No wonder that humans put these animals in cages.
Most people, he corrected himself. The young woman did not.
„One moment please,“ Mina asked. Delicate slippers clicked on the marble as she moved to the rooms beyond the entrance hall. „It will be very quick, I promise!“ she assured him over her shoulder. She returned with a box of tea and a glass bowl with tea pastries, both carefully wrapped in white-colored cloth and an extra layer of paraffin paper.
„For you and the other workers at the harbor,“ she explained. „Take your time to return the bowl as long as it is you who returns it. If that is not enough, you can get more supplies anytime.“ The smile returned. „The Poindexters will surely agree with that.“
„Probably,“ Yegor agreed. He looked down at the package and wondered if he had missed something.
„I should have offered several types of tea for selection, shouldn’t I?“ Mina inquired.
Yegor shook his head.
„No, that is not it.“
„Then what is it?“
„I don’t understand why it is so important for you that a Modified is visible in the city,“ Yegor admitted. „For the Poindexters, it is a matter of authority, but why is it important to you? What rules do apply here?“
For the second time, he saw the cheerful smile fade.
„It is simply wrong to take freedom from someone who has done nothing wrong.“
„The collar does not restrict my freedom.“
„Perhaps. But it is a targeted humiliation.“
„Yes.“
„And that doesn’t really matter to you?“
„No.“
„Nevertheless…“ Mina began, then stopped.
„Yes?“ Yegor asked.
Mina shook her head.
„It is just that if I tell you now that it should bother you because it is unfair and that you shouldn’t accept that humiliation, then I don’t respect your autonomy either.“
Yegor wondered why someone would think so much about him. He was not important at all.
„It doesn’t matter“, he assured her, only to be told: „But it does. Or, at least it should. Fine then, or rather not fine, then it just matters to me for both of you and me.“
„It shouldn’t“, Yegor assured her.
„Yes, I know.“ Once again Mina gave him a smile. „So, thank you for the package.“
„Yes, I know.“ Once again, Mina gave him a smile. „So, thank you once again for the package.“
„Thank you for the tea and the pastries.“
„With pleasure.“
As Yegor went back out into the rain, two policemen dressed in black uniforms with golden buttons entered the garden. One of them was the young policeman who had been at the harbor after the airship disaster, accompanied by another colleague, once again a clearly older man.
„Yegor,“ the young policeman greeted the Modified kindly.
„Then you are the Modified who was present at the airship crash,“ his colleague noted.
„Yes,“ Yegor confirmed.
„That suits us well, then we can include your testimony right away,“ the policeman decided.
„The superiors and colleagues expect me back at the harbor,“ Yegor replied.
His objection did not interest the policeman.
„Come with us,“ the officer ordered curtly.
His younger colleague turned to Mina and tipped at the rim of his hat through the pouring rain.
„Good day, Miss Winter. Is Professor Biraud at home?“
„The Professor is still at the university; he should be back soon.“
„When do you expect him back?“ the older policeman asked.
„He should arrive any moment.“
„Very well, then we will wait for him,“ the policeman decided as he walked past Mina into the house. His gaze fell upon a turned page of the drawing block. He flipped the page back. Scribbled patterns for dresses morphed into studies of feathers, as the patterns changed to the shapes of wing-sleeves.
„It is time to think about a dress for the debutantes‘ ball, but I always find something to distract me from it,“ Mina explained as she let the men hand her the wet coats and put the clothes at an elegant dress form next to the entrance door.
„Thank you very much,“ said the younger policeman.
„Pleasure“, Mina assured him. „Please, this way.“
She directed the men to a large room with expensive furniture and wallpaper with artfully painted plants and animals from tropical regions, which would have been bright and light-filled in good weather.
„Please, have a seat,“ she asked. „I will quickly cook some tea.“
„Don’t trouble yourself…“
„It is no trouble.“
„Don’t you have any servants?“ the older policeman asked as Mina returned, balancing a tray with a pot of tea, cups, teaspoons, a sugar box, a milk jug, and a bowl of pastries into the room.
„Oh yes, a cleaning woman and a gardener help us once a week,“ Mina replied.
„Thank you,“ the younger policeman said as Mina placed a cup of tea in front of him and returned her smile.
„Usually, a house of this size has significantly more staff,“ his colleague remarked.
„That is true. However, the Professor thinks the house is much too large for just one or two people. Most rooms are not used,“ Mina reported.
„He inherited the villa, didn’t he?“
„Yes. First the villa belonged to his grandparents, then to his parents and now it belongs to Professor Biraud.“
Mina’s gaze drifted to Yegor, who waited patiently by the door.
„Please, sit with us,“ she asked him, supported by the younger policeman, who gestured to the chair next to his own seat while his colleague gave him a disapproving look. For a moment, the disapproval turned into undisguised anger as the policeman watched Mina place a cup of tea in front of the Modified, placing three pieces of sugar in the cup with a finely wrought silver sugar tongs, pouring tea over the sizzling sugar, and adding a small white cloud of cream from the milk jug.
„So, you have seen the airship crash up close,“ he began the conversation as Mina finished serving the Modified.
„That is correct,“ Mina confirmed.
Yegor stared at the teacup. There was nothing special about it, the policemen also had been served tea with sugar and cream. To him, however, the experience of being attended to was absolutely special.
„Describe what you saw,“ the policeman demanded of Mina.
For a brief moment, Yegor saw a shadow cross her face as she remembered the airship crash. Then she looked at him, noticed he was looking at her, smiled, and straightened her back.
„He shielded me when the air freighter collided with the lighthouse,“ she told the policeman.
„And for that, I am very grateful to Mr. Karavashkin.“
The younger policemen stood up respectfully as Professor Biraud entered the room; the older policeman merely nodded.
„What is that?“ the Professor asked bewildered when he noticed the iron around Yego’s neck. Yegor informed him of the new regulation.
The Professor wanted to say something, but the older policeman reverted to the eyewitness accounts.
„What else did you see?“ he turned to Mina, who was preparing a teacup for her godfather.
Mina smiled at Yegor once more and provided the requested report. The word eloquence came to Yegor’s mind as he listened.
„Can you confirm this statement?“ the policeman asked Yegor as Mina finished her report.
„Yes,“ Yegor replied.
The policeman nodded and made a corresponding note in his notebook.
„Then tell us what you saw,“ he demanded.
„Miss Winter already said everything,“ Yegor replied.
The policeman shot him an irritated look.
„That was an order, not a request, and this was the second time that you didn’t follow an order. A third time, and you face a fine.“
„Perhaps you noticed details that Miss Winter missed in this exceptional situation,“ the younger policeman tried to help.
Yegor delivered his account briefly and precisely as ordered.
„This new regulation, which forces Yegor to wear that collar, can you tell me if this regulation was issued because of this pair that he rescued?“ Mina asked as he finished his report.
„Correct,“ the younger policeman confirmed.
„But why?“ Mina wanted to know. „Yegor saved these people’s lives. Twice. And that is how they thank him?“
„The two are journalists work for the Deputy Mayor on an image campaign for the city. „Apparently, they believe that it could harm the city’s image if the authorities turn a blind eye to the regulations for Modifieds in the harbor,“ the younger policeman tried to explain.
„That is not the topic right now,“ his colleague corrected him and turned to the Professor. „Is it correct, this was already the third time a delivery with plant samples and documents was lost?“
„Yes, that is true,“ Professor Biraud confirmed. „The first delivery disappeared on the way from the Pyramid cities to the coast; the second delivery was destroyed when the cargo ship caught fire in the harbor and sank. Fortunately, no one was injured; there were only material damages. It is unfortunate that these accidents repeatedly delay the potential development of a cure though.“
„Hm,“ the policeman commented while he took note. „Have you ever thought about these incidents as sabotage?“
The incomprehension with which both Professor Biraud and Mina stared at the policeman, and then at each other, suggested that this thought had not yet occurred to either of them. Yegor wondered how it was possible to get through life being that naive.
„Who would want to prevent the development of a cure?“ the Professor wanted to know.