„Sieh mal, das sind doch die beiden Journalisten, denen der Modifizierte das Leben gerettet hat.“
Es dauerte einen Moment, bis Lucilias Bemerkung durch Stimmengewirr, Klavieruntermalung und Daten und Zahlen des Wirtschaftsteils der Zeitung in Hans’ Bewusstsein gedrungen war. Insgeheim ging im die Klavieruntermalung auf die Nerven, er hegte eine Aversion gegen auf ein reines Begleitgeräusch reduzierte Musik, zudem der Pianist Talent besaß, das zusammen mit dem Stück unter den allgemeinen Geräuschteppich gekehrt wurde.
„Hm?“
„Der große dunkelhaarige Mann und die hübsche Frau mit den rotbraunen Locken dort bei der Tür neben dem Feldmarschall und seinem Adjutanten und dem Militärattaché der Imperialen Armee.“
Hans knickte die Zeitungsseite und spähte über zierlich geschnitztes Mobiliar; Kellnerinnen und Kellner und Besucher hinweg zur Tür des Kaffeehauses.
„Ja, das sind sie“, bestätigte er. Sein Blick glitt von dem eleganten Paar durch die verschnörkelte Goldschrift auf den Fenstern zu drei Männern, die zusammen mit den Journalisten eingetroffen waren, jedoch nicht mit ihnen zusammen das Kaffeehaus betraten sondern weiter gingen, zwei von ihnen mittleren Alters und grau wie Regentage, Feldmarschall Hans Karl Neuhammer und Militärattaché John Wieck, einer jünger, mit akkurat geschnittenen blonden Haaren, Neuhammers Adjutant, Jasper Lange. Die drei Militärs verabschiedeten sich von den Journalisten und verschwanden im Nebel, der als dichte Decke über der Stadt lag.
„Die beiden haben durchgesetzt, dass Yegor zusätzlich zu der Ausnahmegenehmigung ein Halsband aus Eisen tragen muss, wenn er sich außerhalb des Hafengeländes bewegt“, sagte Lucilia während sie die beiden Journalisten beobachtete, als diese das Kaffeehaus betraten und zu einem freien Tisch hinüber gingen.
„So lange er nicht gleich in Ketten gelegt wird…“ kommentierte Hans, bereits wieder in den Wirtschaftsteil der Zeitung vertieft. Der Ausfall eines Schaufelradbaggers für nur drei Tage, bis die Maschine repariert war, hatte im vergangenen Monat für einen Rückgang der Fördermenge an Braunkohle von satten zehn Prozent geführt.
„Mina und der Professor haben deswegen Beschwerde bei der Stadtverwaltung eingelegt und ich werde das ebenfalls tun.“
Im gleichen Zeitraum hatte das Stahlwerk die Produktionskapazität erweitert…
Er seufzte.
„Du musst diese Probleme nicht zu deinen machen.“
„Nun, ich teile Minas Ansicht diesbezüglich“, ließ Lucilia ihn wissen und Hans gab sich alle Mühe, nicht schon wieder zu seufzen. „Die Stadt steht aus gutem Grund für Fortschritt und Kooperation und sollte von solch gleichermaßen regressiven wie nutzlosen Maßnahmen absehen.“
„Auch das hat Tradition und eine gewisse Person, die gerade jetzt neben mir sitzt, legt jedes Jahr Blumen an einem Mahnmal für die Toten eines Arbeiteraufstands nieder, der blutig niedergeschlagen wurde“, entgegnete Hans trocken.
„Umso mehr ein Grund, jeden Rückschritt in solche Zeiten gar nicht erst in Erwägung zu ziehen“, erwiderte Lucilia. „Zumal es aufgrund der steigenden Strahlungswerte an den Meteoritenkratern gerade wirklich wichtigere Probleme gibt.“
„Probleme in den betroffenen Gebieten, ja. Die Situation hier in der Stadt ist eine andere. Es ist vielleicht eine extreme Maßnahme“, räumte Hans ein. „Trotzdem ist die Überwachung sinnvoll. Modifizierte, insbesondere jene, bei denen das Experiment erfolgreich war, wie bei diesem Modifizierten, der im Hafen arbeitet, mögen zwar gute Arbeiter sein, aber sie sind eine potentielle Bedrohung.“
Zusätzlich hatte eine neue Porzellanmanufaktur den Betrieb aufgenommen. Insgesamt war die Bilanz ausgeglichen, und die Zahlen waren seit nunmehr fast zwei Dekaden stabil.
„Die Modifizierten konnten nicht wissen, dass die Forschungseinrichtungen ohnehin gerade aufgelöst wurden“, wandte Lucilia ein. „Sie wollten sich nur ihre Freiheit erkämpfen.“
„Und haben dabei demonstriert, dass sie schon als Heranwachsende mühelos erwachsenen Männern die Knochen brechen konnten“, betonte Hans. „Das sollte deine kleine Freundin wissen.“
Die Bezeichnung kleine Freundin war im Grunde nicht korrekt, korrigierte er sich, aber zwischen Lucilia und Mina lag bei einem Altersunterschied von zehn Monaten ein ganzes Universum. Er konnte sich an exakt ein einziges Mal erinnern, dass die Kleine… Mina ihm erwachsen erschienen war. Sie hatte sich mit Lucilia über Gartenpflanzen unterhalten und klang plötzlich wie ein Lexikon mit Sprachausgabe. Der Moment war so verblüffend wie flüchtig und singulär gewesen und kein Grund für Hans, seine Ansicht nachhaltig zu revidieren, hatte ihm allerdings eine Vorstellung davon vermittelt, wieso Lucilia diese Freundschaft interessant finden mochte. Gesellschaftlich gesehen hatte die Freundschaft keine Bedeutung, Professor Biraud als Wissenschaftler und mit ihm seine Patentochter hatten innerhalb der Hierarchie neutralen Status, außerdem war die Kleine… Mina zugegebenermaßen auch ganz niedlich. Einzig, dass Lucilia sich gelegentlich von Minas kindlich naiver Sicht auf die Dinge mitreißen ließ, war etwas anstrengend.
„Dass sie sich nach Jahren gegen Personen aufgelehnt haben, die Kinder im Namen der Wissenschaft misshandelt haben, heißt nicht, dass Modifizierte wahllos Menschen angreifen.“
So wie jetzt. Erneut unterdrückte er ein Seufzen.
„Korrekt, sonst wären sie jetzt tot statt in Freiheit.“
„Das hat nichts mit Einsicht zu tun sondern mit dem Beharren der Geldgeber auf Amortisation des fehlgeschlagenen Projekts“, entgegnete Lucilia. Sie trank einen Schluck Kaffee und betrachtete über hauchdünnes Porzellan hinweg die beiden Journalisten.
„Sei es wie es sei, am Ergebnis ändert das nichts. Davon abgesehen gibt es, wie du selbst sagtest, wichtigere Probleme“, erinnerte sie Hans, entschlossen, diese überflüssige Diskussion damit zu beenden, und konzentrierte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Zeitung, während Lucilia einen Kellner heran winkte.
Hans überflog einen Bericht über eine von der Partei der Stellvertretenden Bürgermeisterin eingereichten Resolution über die Erhöhung von Ein- und Ausfuhrzöllen auf Seetang aus dem Nordpolarmeer auf der Suche nach dem Abstimmungsverhältnis: Einundfünfzig Gegenstimmen bei vierunddreißig Befürwortungen und zwölf Enthaltungen.
„Was darf es sein?“
Er ertappte sich dabei und ärgerte sich darüber, die Meldung als Argument für Lucilias Theorie von Kooperation und Solidarität als bestimmenden Charakteristika der Stadt zu lesen. Nicht, weil Lucilia potentiell richtig lag, sie war ebenso schön wie brillant, sondern weil er Sentimentalität als nicht zielführend betrachtete. Angeblich sollten die Zölle helfen, den Run auf diesen Seetang zu regulieren, allerdings hätte eine Erhöhung der Zölle viele kleinere Nationen gegenüber den wohlhabenderen Nationen der Imperialen Armee benachteiligt…
„Zweimal Kirschlikör, bitte. Nein, warten Sie… Orangenlikör. Mit besten Empfehlungen an diese beiden Personen.“
Hans hob den Blick von der Zeitung zu Lucilia, die an dem elegant gekleideten Kellner vorbei auf die Journalisten deutete.
„Was wird das?“ wollte er wissen, als der Kellner mit einem zustimmenden „Sehr wohl“ und einem fürstlichen Trinkgeld entlohnt gegangen war, Lucilias Bestellung auszuführen.
„Der Versuch, die gute Gelegenheit zu nutzen, mit den Journalisten ins Gespräch zu kommen“, erwiderte Lucilia.
„Du willst die beiden überzeugen zu veranlassen, dass diese neue Vorschrift wieder zurückgenommen wird“, stellte Hans fest.
„Das auch“, gab Lucilia offen zu. „Davon abgesehen sind sie vielleicht bereit, von der Imagekampagne zu erzählen. Und ich möchte wissen, warum sie zusammen mit dem Feldmarschall und dem Militärattaché hier angekommen sind.“
Das möchte ich auch, musste Hans zugeben.
„Es ist ausgesprochen unwahrscheinlich, dass sie einfach so darüber sprechen werden“, sagte er laut.
„Ja, vielleicht, aber einen Versuch ist es wert, findest du nicht?“
Mit diesen Worten und einem bezaubernden Lächeln schwebte sie zu den beiden Journalisten hinüber, die ihr mit dem Orangenlikör zugeprostet und sie heran gewinkt hatten.
Diesmal unterdrückte Hans das Seufzen nicht, während er die Zeitung zusammenfaltete und seiner Verlobten folgte. Er hätte diesmal wirklich lieber einfach nur Kaffee getrunken und Zeitung gelesen, doch Lucilia hatte natürlich recht, so wenig erfolgversprechend es sein mochte, die Gelegenheit war zu günstig, um es nicht wenigstens zu versuchen.
Café
„Look, aren’t those the two journalists whose lives the Modified saved,“ said Lucilia.
It took a moment for her remark to cut through the chatter, the piano accompaniment, and the economic data of the newspaper before it registered in Hans’ consciousness. Privately, he found the music grating since he had an aversion to instrumental pieces reduced to mere background noise, especially when played by someone with talent, only to be buried under the general hubbub.
„Hmm?“
„The tall dark haired man and the pretty woman with the chestnut curls standing there by the door near the Field Marshal and his aide and the military attaché from the Imperial Army.“
Hans folded the newspaper page and peered over intricately carved furniture, past waitresses, waiters and patrons towards the café’s entrance.
„Yeah, that’s them,“ he confirmed. His gaze wandered through the ornate gold lettering on the windows from the elegant pair to three men who had arrived with the journalists but hadn’t entered the café with them, two of middle age, grey as rainclouds, Field Marshal Hans Karl Neuhammer and Military Attaché John Wieck, and a younger one, with perfectly styled blonde hair, Neuhammer’s aide, Jasper Lange. The three military men bid farewell to the journalists and vanished into the fog covering the town like a blanket.
„The two managed a new instruction that Yegor must wear a collar made of iron, in addition to the special permit, if he moves outside the harbour,“ said Lucilia as she watched the journalists entering the café and making their way through the room towards a table.
„As long as he isn’t locked up immediately,“ Hans commented, already diving back into the economic section of the paper. The breakdown of an excavator for just three days until repairs were done had led to a ten percent drop in brown coal production last month.
„Mina and the Professor filed a complaint with the city council about this, and I shall do the same.“
In that time, the steelworks had expanded its output capacity…
He sighed.
„You don’t need to make these your problems.“
„Well, I agree with Mina,“ Lucilia let him know. „The city has a reputation of valuing progression and cooperation für good reason and should refrain from such regressive, pointless measures.“
„That is a tradition as well though and I know a certaim person who lays down flowers every year at a memorial for the dead of a worker’s uprising that got crushed in a bloody massacre,“ Hans countered dryly.
„Even more reason to never slide back into times like that,“ said Lucilia. „Especially since there are far more pressing issues right now given the rising radiation levels at the meteorite craters.“
„Issues in affected areas, yes. Here in the city, it’s different. It may be an extreme measure,“ Hans admitted. „Still, supervision makes sense. Modified individuals, particularly those where the experiment succeeded, like this one working at the harbour, may well be good workers, but they pose a potential threat.“
On top of the increased productivity of the steelworks, a new porcelain factory had opened its doors. Overall, the balance was stable, and the figures had remained so for nearly two decades by now.
„The Modified couldn’t have known that the research facilities were being dissolved anyway,“ Lucilia argued. „They just wanted to fight for their freedom.“
„And in doing so, they demonstrated that even as adolescents they could effortlessly break adult men’s bones,“ Hans emphasised. „That should be something your little friend knows.“
The term little friend wasn’t exactly accurate, he corrected himself. But between Lucilia and Mina lay an age gap of ten-month and an entire universe. He could recall exactly one instance the little one… Mina had not seemed childish, and that was when she and Lucilia had talked about garden plants. All of a sudden Mina had sounded like an encyclopedia with voice output. The moment had been as surprising as transient and singular and thus no reason for Hans to rethink his stance. However, he now had an idea why Lucilia might consider the friendship interesting. In terms of societal significance, the friendship was neutral . As a scientist and his goddaughter, Professor Biraud and his niece had neutral standing in the hierarchy, and Mina… well, she was undeniably cute anyway. Only that Lucilia occasionally let herself be swept along by Mina’s childishly naive worldview was slightly irksome.
„Just because they rebelled against people who tortured children in the name of science doesn’t mean Modified individuals attack people at random.“
Just like now. Once again he suppressed a sigh.
„Correct, and that is why they are not dead now or locked away for good.“
„That has nothing to do with insight, but rather the sponsors’ insistence on recouping their failed project’s investments,“ Lucilia countered. She took a sip of coffee and watched the two journalists over the rim of the delicate porcelain cup.
„Be that as it may, it doesn’t change the outcome. Besides, you said yourself there are more important problems,“ Hans reminded her, determined to put an end to this futile discussion, and Hans focused his attention on the economic data while Lucilia beckoned a waiter.
Hans skimmed a report about the vote of the parliament on a resolution submitted by the Deputy Mayor’s party on raising the trade tariffs on import and export of kelp from the artic region, searching for the tally: Fiftyone votes against, thirtyfour in favor, with twelve abstentions.
„What can I get for you?“
He caught himself reading the report as an argument in favor of Lucilia’s theory on cooperation and solidarity as key charateristics of the city, and felt annoyed about himself by doing so. Not because it meant that Lucilia might have a point, she was as brillant as she was beautiful after all, but because he regarded sentimentality as unproductive. However, the outcome of the vote had prevented an injustice. Allegedly the higher tariffs were meant as a means to regulate the run on the kelp, however, the tariffs would have put smaller nations at a disadvantage aginst the wealthy nations of the Imperial army…
„Two cherry liqueurs, please. No, wait… orange liqueur. With my compliments to those two.“
Hans lifted his gaze from the newspaper to Lucilia, who pointed past the elegantly dressed waiter towards the journalists.
„What’s this about?“ he asked as the waiter departed with a resepctful „Very well“ and a generous tip to carry out her order.
„I’m taking advantage of the opportunity to strike up a conversation with the journalists“, Lucilia replied.
„You want them to revoke this new regulation,“ Hans surmised.
„Exactly,“ she admitted openly. „Moreover, they might be willing to discuss that image campaign. And I’d like to know why they were here together with the Field Marshal and the Military Attaché.“
He would like to know that too, Hans had to admit.
„It’s highly unlikely they’ll just talk about it,“ he said aloud.
„Perhaps not, but an attempt is worth while, don’t you think?“
With those words and a dazzling smile, she glided towards the two journalists, who had raised their orange liqueurs in greeting while motioning her over.
This time, Hans didn’t stifle his sigh as he folded the newspaper and followed his fiancée. He would have preferred to just drink coffee and read the paper, but Lucilia was right, unpromising though it might be, the opportunity was too good to miss.